St. Martin – Saint-Gervais-sur-Mare(23 km; 882 hm↑907 hm↓)

Der Tag begann gerade sein Licht zu verbreiten, als unsere Wecker klingelten. Gemeinsam mit dem Sonnenaufgang nahmen wir, vorbei am Neuseeländer – Haus, den 4 – stündigen Aufstieg unter die Füsse.

Je höher wir aufstiegen, desto mehr ersetzte die mediterrane Buschvegetation die Kastanien- und blühenden Kirschbäume. Nicht die kleinste Wolke trübte den blauen Himmel. Jedoch pfiff wiederum ein kalter unangenehmer Wind an den Berghängen hoch. Der windige Anstieg brachte mich mit Fliesjacke zum Schwitzen und ohne zum Frieren.

Nach zwei Stunden machten wir es uns auf ein paar Baumstämmen bequem und begannen unsere Orangen zu schälen, als uns Álvaro einholte. Ich muss gestehen, eigentlich heisst er gar nicht Álvaro, sondern Sebastian. Mir war gestern schlicht sein Name entfallen. 🤓

Zu dritt setzten wir unsere Wanderung, nun mit einem Deutsch – Spanischen Sprachenmix fort. Doch irgendwie wurden wir aus Sebastian nicht schlau. Einerseits erzählte er uns, dass er durch ganz Deutschland und die Schweiz gepilgert sei, andererseits konnte der Junge, der jetzt mit seinem Zelt unten am Fluss schläft, abends vor Müdigkeit und Blasen an den Füssen fast nicht mehr gehen. Wir haben ihm eine Übernachtung im Gîte und Pflaster angeboten, was er jedoch ablehnte.

Unsere heutige Schlafgelegenheit befindet sich gleich über einer Bäckerei. Der allgegenwärtige Geschmack von frischem Mehl, Baguettes und Croissants lässt mich sicher noch von ebensolchen träumen.

Sebastian, Marcel und Martin nach der Etappe:

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Joncels – St. Martin (9 km; 250 hm↓)

In der Nacht ist merklich kühler geworden und frühmorgens pfiff ein unangenehmer, kalter Wind durchs offene Fenster. Wir liessen uns jedoch nicht aus der Ruhe bringen, frühstückten bei philosophischen Gesprächen im Wissen um die kurze Etappe, die vor uns stand. Gegen 10 Uhr verliessen wir Joncels und schlenderten gemütlich talabwärts. Vor lauter „wir habens im Griff“ und gefühlter Souveränität verliefen wir uns prompt und mussten mit Hilfe des GPS einen steilen Hang durchs Dickicht und entlang von Wildpfaden wieder hochkraxlen. Ausser Atem zogen wir auf dem wiedergefunden Weg die Jacken aus und folgten nun aufmerksamer dem restlichen Pfad Richtung Lunas. In diesem Dorf angekommen, betraten wir die Dorfspelunke, bestellten 2 x Café au lait und wurden von den Stammgästen, welche sich bereits mit Roséwein beschäftigten, intensivstens gemustert. Als scheinbar Ausserirdische abgestempelt, tranken und bezahlten wir den Kaffee, verliessen die Bar und begegneten vor dem angeschriebenen Haus dem jungen Peregrino, namens Álvaro aus Huelva (Andalusien). Er ist alleine unterwegs, studiert(e) Ethnologie in Spanien (…) und schläft meistens mit dem Zelt draussen irgendwo in der Wildnis. Er hat seine Reise vor 2 Monaten angetreten! Unglaublich. Meines Erachtens sah er auch etwas Durchfroren aus, freute sich aber, ein paar Worte auf spanisch zu wechseln, bis wir festgestellten, dass er eigentlich ganz gut deutsch spricht… Ich bin mir sicher, dass wir ihm irgendwo wieder begegnen werden.

In St. Martin angekommen, suchten wir unser vorher reserviertes Gîte auf und machten uns auf den Weg um das Dorf, wieder einmal mit einer überdimensionalen Kirche zuoberst, zu besichtigen. Gleich am Dorfeingang begegneten wir einem Mann um die 50, welcher mit seinem mehrgeschossigen, mittelalterlichen Anwesen beschäftigt war. Ich sagte zu ihm: „C‘est très jolie, votre maison.“ Er antwortete: „Excuse me, I do not understand French.“

Im weiteren Gespräch in ihrem Haus bei Kaffee und Tee erfuhren wir, dass das frühpensionierte Banker- Ehepaar aus Neuseeland stammt und seit zwei Jahren das Haus, welches 1620 ursprünglich gebaut wurde, mit viel Liebe und Geld am Renovieren sind. Während den europäischen Sommermonaten sind sie in Frankreich, die restliche Zeit in Neuseeland. Auch so lässt es sich leben, auch wenn es mir nicht entsprechen würde.

Unser heutiges Gîte, inklusive Küche und 2 Zimmern für uns, befindet sich neben dem Haus eines freundlichen, französischen Rentnerehepaares. Wir haben Fisch, Poulet, Reis und Gemüse eingekauft und das erste mal für uns gekocht.

Die nächsten 2 Etappen werden recht herausfordernd sein und uns über diverse Pässe auf eine Hochebene führen. Die Wettervorhersage ist jedoch gut und wir sind zuversichtlich, dass das klappt. Heute haben wir insgesamt bereits über 100 km Fussmarsch hinter uns.

Zu Besuch bei den Neuseeländern:

Unsere Küche:

Höhenprofil der nächsten Etappe:

Bild kann leider nicht gedreht werden..)

Lodève – Joncels (22 km; 773 hm↑; 558 hm↓)

Um noch kurz am gestrigen Tag anzuknüpfen: Bei Didier und Beatrice (Chambre d’ Hôtes l’Amourier in Lodève) wurden mit einer marokkanischen Tajine mit Fisch und Lamm sondergleichen verwöhnt. Doch das Einzigartige waren eigentlich die persönliche Bedienung, die interessanten Gespräche und die Aufmerksamkeit des älteren Paares, welches viel erlebt hat, dies aber nicht in den Mittelpunkt stellte. Wir waren uns gestern Abend bewusst, dass heute eine anstrengende Etappe vor uns stand und so endete der gediegene Abend eigentlich viel zu früh.

Um 7 Uhr klingelten die Wecker und nach einem ausgiebigen Frühstück machten wir uns in Begleitung von Beatrice auf den Weg. Sie zeigte uns den Einstieg ins steil ansteigende, dunkle Bachbett, welches uns als Weg und Abkürzung auf den offiziellen Weg führte. Nach 600 hm und 2 h Anstieg gönnten wir uns eine Pause. Nach der Pause kam uns doch tatsächlich Henri, der Pariser entgegen! Nach einem etwas zu exaltierten „Eh, bonjour les amis Suisse“ verging ihm die gute Laune, als wir ihm erklärten, dass er in die falsche Richtung gehe. Nach einigen „mais c‘est pas possible“, konnten wir ihn überzeugen, dass er und nicht wir uns verirrt haben!

Doch auch uns hätte das geschehen können. Der Weg ist meines Erachtens nicht überall gut markiert und wir versichern uns immer mit 2 Quellen, ob der Richtungswechsel nun tatsächlich stimmen kann.

Joncels ist ein 300 – Seelen Bergdorf ohne Restaurant, Bar und Bäckerei. Die Dorfbewohner leben von der Holzfällerei oder den Wanderern, welche hier im Gîte absteigen. Das mit Abstand grösste Gebäude ist die Benediktinerabtei aus dem 7. Jahrhundert, welche wir morgen noch besichtigen wollen.

Chambre d’ Hôtes l’Amourier à Lodève:

en chemin:

à Joncels:

Saint-Jean-de-la-Blaquière – Lodève (16 km; 425 hm↑; 420 hm↓)

Vom heutigen Tag erwartete ich eigentlich nicht so viel. Es war für mich im Kopf irgendwie so ein Zwischenabschnitt zwischen zwei grösseren Etappen. Doch wie ist es im Leben? Je kleiner die Erwartungen, desto grösser das Überraschungspotential. So war es denn auch heute. Die verwunschenen Wege und die blühende Vegetation waren einfach einzigartig.

Lodève ist ein kleines Städtchen, welches nicht unbedingt in die Kategorie „les plus beaux villages de la France“ gehört. Jedoch mehr per Zufall stiessen wir im Wanderführer auf die Adresse eines Chambres d‘hôtes und reservierten per Telefon ein Zimmer und liessen uns vom Sohn des Besitzers in Lodève mit dem Auto abholen. Zu Fuss wären wir nochmals eine Stunde gelaufen. Endlich wieder einmal etwas mehr Luxus mögen wir uns beide gönnen. Nun warten wir also gespannt in der durchgestylten Villa des pensionierten Apothekers von Lodève auf dessen Kochkünste.

Saint-Guilhem-le-Désert – Saint-Jean-de-la-Blaquière (22 km; 900 hm↑; 900 hm↓)

… je kleiner die französischen Dörfer, desto länger deren Namen …

Die heutige Etappe über die südlichsten Ausläufer der Cevennen war recht herausfordernd, landschaftlich jedoch äusserst reizvoll!

Die Herausforderungen bestanden einerseits durch den doch anständigen Höhenunterschied und zusätzlich, weil wir uns, wie andere auch, verlaufen haben. Die Wegbeschreibung aus dem Reisebuch und Wikiloc führten uns ins abgelegene Dorf Arboras hinauf. an Jedoch ging der Weg aus unerfindlichen Gründen und auch gemäss Einwohnern (neuerdings?) nicht weiter. So mussten wir einen Umweg von einer Stunde inklusive Abstieg in Kauf nehmen. Müde trafen wir um 17 Uhr in Saint-Jean-de-la-Blaquière ein.

Gemäss der Gîte – Betreuerin Nathalie haben sich in dieser Gegend schon viele verlaufen, gerieten unerwartet in Gewitter, oder kamen erst in der Nacht am Ziel an. So ging es gestern auch zwei Saarländer, welche erst um 21 Uhr eintrudelten.

Wir übernachten im einfachen, zweckmässig eingerichteten Gîte des Pèrelins für 16€ / Person. Das Gîte, welches doch schon halb gefüllt war mit Wandernden, bestand aus 4 Schlafräumen à je 4-6 Betten. Vermutlich müssen wir uns angewöhnen, die Übernachtung schon am Vortag zu reservieren, ansonsten kann es passieren, dass wir am Etappenziel ankommen, aber keine Schlafgelegenheit mehr finden.

Nach dem Duschen klapperten wir die kulinarischen Möglichkeiten im Dorf ab und mussten 15 Minuten später feststellen, dass die EINZIGE Möglichkeit aus einem Pizza – Wohnwagen auf dem Schulhof bestand! Eigentlich freuten wir uns auf einen deftigen, französischen Dreigänger und landeten mit einer Pizzaschachtel in der Hand auf der Parkbank. Dazu gab es eine Flasche Vin de la Region pour 6.50€ über die Gasse…

Montarnaud – Saint-Guilhem-le-Désert (22 km)

Um fünf Uhr früh wurde ich durch heftiges Donnergrollen geweckt und stellte mich innerlich schon auf einen ungewollten Lesetag ein. Zwei Stunden später sah es zum Glück freundlicher aus und wir verköstigten uns mit Café au Lait und fetten Croissants, während uns die Bäckersfrau zwei Sandwiches präparierte.

Ausserhalb des Dorfes begegneten wir Henri, einem 60 jährigen aufgestellten Pariser und Jerome, einem jungen Lyoner, welche ebenfalls auf dem Weg über die Cevennen Richtung Toulouse waren. Zu viert nahmen wir den ersten Anstieg durch einen Eichenwald in Angriff. Der einzige, welcher während dem steilen Anstieg locker vor sich hin plauderte und uns mit Fragen eindeckte, war der junge Jerome. Wir, die restlichen drei älteren Herren konzentrierten uns lieber auf die Sauerstoffversorgung, bis der Weg oben wieder abflachte..

Oben angekommen, hatten wir eine fantastische Fernsicht bis zum Mittelmeer.

Der Weg führte weiter durch dunkle, dichte Eichenwälder und später durch die lichte, mediterrane Garriguelandschaft, bestehend aus Ginsterbüschen, wilden Spargeln und überall Jägern, welche sich vorbereiten, um den Wildschweinen den Sonntag zu verderben.

Erst am Nachmittag waren wir uns sicher, dass wir heute auf die Regenkleidung verzichten werden können. Endlich Sonnenbrille und T-Shirt!

Nach bereits 6 Stunden inklusive Pausen trafen wir in diesem schmucken, mittelalterlichen Dörfchen ein und verabschiedeten uns auf dem Dorfplatz bei einem Bier von Jerome, welcher noch 15 km weiterging..

Montpellier – Montarnaud (21km)

Die gestrige 7- stündige Zugfahrt von Basel nach Montpellier verging wie im Flug mit Gesprächen, Lesen und Musikhören. Das gemietete, einfache und zweckmässig eingerichtete Altstadt-Zimmer – über Airbnb gebucht, fanden wir auf Anhieb. Heute morgen erwachte ich erst, nachdem Tinu schon geduscht und fast abmarschbereit im Zimmer stand… Nach einem Kaffee und Brötchen kauften wir kurz noch Wasser und ein paar Früchte als Verpflegung auf dem Markt, aktivierten unseren Wikiloc-Trail (App mit GPS – Navigation für Fernwanderer und Biker) und bummelten gemütlich in nordwestlicher Richtung aus der Stadt. Wir waren guten Mutes und freuten uns, dass es endlich losging. Das Wetter sollte (…) sich am Nachmittag bessern, denn seit gestern Abend regnete es ununterbrochen.

Hinter der Altstadt mussten wir erst alle maghrebinischen Banlieus hinter uns bringen, bevor der Weg endlich in ein kleines Tal mit lauschigem Bach führte und wir nach zwei Stunden unsere erste Pause einlegten. Kurz danach begann es völlig überraschend und sintflutartig zu regnen und hageln, dass die Wege eher Bächen glichen. Nun, der Rest ist schnell erzählt, denn der Regen liess in den folgenden drei Stunden nicht mehr nach und ich muss feststellen, dass wir in Sachen Regenkleidung Optimierungsbedarf haben…

Glücklicherweise ist unser Gîte geheizt, so dass die Kleider bis morgen trocknen können.